Glutenfrei, Weizen, Dinkel oder Roggen?

Fakten statt diffuser Halbwahrheiten

Getreide – und insbesondere Gluten – wird in der Ernährungsdebatte oft sehr emotional diskutiert. Aussagen wie „Gluten ist ungesund“ oder „Weizen macht krank“ greifen dabei meist zu kurz. Genauso wenig stimmt allerdings die pauschale Annahme, dass Vollkorn grundsätzlich für alle die beste Wahl ist. Die wissenschaftliche Datenlage zeigt sehr klar: Entscheidend ist eine differenzierte Betrachtung.

Was ist Gluten überhaupt?

Gluten ist kein einzelner Stoff, sondern ein Sammelbegriff für verschiedene Speicherproteine im Getreide. Dazu gehören vor allem Prolamine wie Gliadin und Gluteline wie Glutenin im Weizen. Diese Proteine sorgen dafür, dass Teige elastisch werden, gut aufgehen und nach dem Backen ihre Struktur behalten. Für die Verträglichkeit spielen insbesondere die Prolamine eine Rolle, da bestimmte Varianten bei empfindlichen Personen Immunreaktionen auslösen können.

In welchen Getreiden steckt Gluten? 

Gluten kommt natürlicherweise in Weizen, Dinkel, Emmer, Einkorn, Khorasan, Roggen und Gerste vor. Dinkel ist dabei keine eigene „glutenfreie Alternative“, sondern biologisch eng mit dem Weizen verwandt.

Wichtig ist: Gluten ist kein einheitlicher Stoff, sondern ein Protein-Komplex, der sich je nach Getreide in Struktur und Zusammensetzung leicht unterscheidet. Diese Unterschiede können theoretisch die Teigeigenschaften und auch die Verträglichkeit beeinflussen – klinisch ist das jedoch nur begrenzt eindeutig belegt.

Weizen, Dinkel und Roggen im Vergleich

Weizen ist das weltweit am häufigsten verwendete Getreide und Grundlage vieler Brot- und Backwaren. Roggen wird vor allem für dunklere, säuerliche Brote verwendet und hat eine andere Protein- und Backstruktur als Weizen. 

Ist Dinkel gesünder als Weizen?
Dinkel hat in der öffentlichen Wahrnehmung häufig den Ruf, bekömmlicher oder „gesünder“ zu sein. Wissenschaftlich lässt sich das so pauschal jedoch nicht bestätigen.

Zwar gibt es leichte Unterschiede im Nährstoffprofil, die relevanten Glutenstrukturen ähneln sich jedoch stark. Teilweise kann Dinkel sogar vergleichbare oder höhere Glutenmengen enthalten als Weichweizen.

Für Menschen mit Zöliakie oder Weizenallergie ist Dinkel daher keine sichere Alternative. Auch eine generell bessere Verträglichkeit lässt sich wissenschaftlich nicht eindeutig belegen – auch wenn sie subjektiv manchmal berichtet wird.

Alte Weizenarten vs. moderne Weizenarten

Alte Getreidearten wie Emmer und Einkorn unterscheiden sich genetisch vom modernen Weichweizen. Dieser entstand durch natürliche Hybridisierung verschiedener Urformen und enthält zusätzlich ein sogenanntes D-Genom.

Dieses spielt in der Forschung eine Rolle, da bestimmte immunologisch relevante Gliadin-Strukturen vor allem dort lokalisiert sind. Emmer und Einkorn besitzen dieses D-Genom nicht.

Studien zeigen zwar Unterschiede in der Proteinzusammensetzung zwischen alten und modernen Weizenarten  – insbesondere im Verhältnis von Gliadinen zu Gluteninen. Auch andere Bestandteile wie ATI oder FODMAPs können variieren.

Trotzdem gilt: Die aktuelle Datenlage reicht nicht aus, um alte Weizenarten pauschal als besser verträglich einzustufen. Die individuelle Reaktion scheint multifaktoriell bedingt zu sein – also abhängig von Proteinstruktur, Verarbeitung und persönlicher Sensitivität.1 2 3

Die oft unterschätzte Rolle der Verarbeitung

Ein oft unterschätzter Faktor ist nicht das Getreide selbst, sondern wie es verarbeitet wird.

Früher waren lange Teigführungen und natürliche Fermentation (z. B. Sauerteig über 12–48 Stunden) Standard. Heute dominieren:

  • schnelle industrielle Herstellungsprozesse
  • stark raffinierte Mehle
  • Zusatzstoffe wie Vitalgluten
  • hochverarbeitete Backwaren

Diese Veränderungen beeinflussen die Struktur der Lebensmittel deutlich stärker als die reine Getreideart.

Sauerteig und Bekömmlichkeit

Sauerteig entsteht durch natürliche Fermentation mit Milchsäurebakterien und Hefen. Während dieses Prozesses wird das Mehl bereits vor dem Backen enzymatisch verändert.

Dabei werden verschiedene Bestandteile teilweise abgebaut oder umstrukturiert – darunter Kohlenhydrate, FODMAPs und auch einzelne Proteinstrukturen.

Gluten bleibt zwar enthalten, wird aber teilweise verändert. Besonders relevant ist die Reduktion fermentierbarer Kohlenhydrate (FODMAPs), die bei empfindlichen Personen Beschwerden wie Blähungen verursachen können. 

Das Ergebnis: Sauerteigbrot wird von vielen Menschen als besser verträglich empfunden – nicht wegen „weniger Gluten“, sondern wegen der veränderten Gesamtstruktur des Lebensmittels.4 5

Vollkorn vs. Weißmehl

Ein zentraler Unterschied in der Ernährung liegt im Verarbeitungsgrad von Getreideprodukten – nicht nur in der Frage „mit oder ohne Gluten“. Vollkorn enthält das gesamte Korn bestehend aus Kleie, Keim und Endosperm und liefert dadurch deutlich mehr Ballaststoffe, Vitamine, Mineralstoffe und sekundäre Pflanzenstoffe. 

Weißmehl hingegen besteht ausschließlich aus dem stärkehaltigen Endosperm, wodurch ein Großteil dieser Nährstoffe verloren geht.

Große Studien zeigen konsistent, dass ein höherer Vollkornkonsum mit einem geringeren Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Typ-2-Diabetes assoziiert ist und sich positiv auf Blutzuckerregulation und Sättigung auswirkt.6 7


Kohlenhydrate und Verarbeitung: Kohlenhydrate bestehen – egal ob aus Vollkorn oder Weißmehl – überwiegend aus Stärke. Stärke ist ein komplexes Kohlenhydrat, das im Körper erst aufgespalten werden muss, bevor es genutzt werden kann. Wie schnell das passiert, hängt aber weniger von der „Art“ der Kohlenhydrate ab, sondern vor allem von der Struktur des Lebensmittels.

Auch Weißmehlprodukte bestehen größtenteils aus Stärke. Durch den höheren Verarbeitungsgrad und den geringeren Ballaststoffgehalt ist die Struktur des Lebensmittels jedoch bereits stärker aufgeschlossen. Dadurch kann sie schneller verdaut werden und führt oft auch zu einem rascheren Blutzuckeranstieg – ähnlich wie andere stark verarbeitete Kohlenhydratquellen. Entscheidend sind also vor allem der Verarbeitungsgrad, der Ballaststoffgehalt und die gesamte Lebensmittelstruktur. Die klassische Einteilung in „einfach“ und „komplex“ greift im Alltag daher oft zu kurz. Wichtiger ist der Blick auf das gesamte Lebensmittel und das Ernährungsmuster insgesamt.

Einordnung im Alltag

Weißmehlprodukte sind nicht grundsätzlich „ungesund“. Sie liefern schnell verfügbare Energie in Form von Kohlenhydraten und können insbesondere im sportlichen Kontext – zum Beispiel vor oder während intensiver Belastungen – eine gut nutzbare Energiequelle darstellen. Außerhalb solcher Situationen sollte der Fokus jedoch eher auf nährstoffreicheren, ballaststoffhaltigen Kohlenhydratquellen liegen. Problematisch wird der Konsum vor allem im Kontext einer insgesamt unausgewogenen Ernährung mit hoher Energiedichte, geringem Ballaststoffanteil und vielen stark verarbeiteten Lebensmitteln. 

Entscheidend ist daher nicht ein einzelnes Lebensmittel, sondern das gesamte Ernährungsmuster! 

Nahrungsmittelunverträglichkeiten

Weizenallergie, Zöliakie und nicht-Zöliakie-Weizensensitivität 

Ein wichtiger Punkt bei der Bewertung von Weizen ist die Frage der Verträglichkeit. Dabei gibt es drei klar voneinander zu unterscheidende Krankheitsbilder.

Die Weizenallergie ist eine IgE-vermittelte Immunreaktion auf Bestandteile des Weizens. In westlichen Ländern sind etwa 0,5 % der Kinder und Jugendlichen sowie rund 1 % der Erwachsenen betroffen. Aufgrund ähnlicher Proteinstrukturen kann es bei Betroffenen teilweise auch zu Reaktionen auf Dinkel kommen. Deshalb ist Dinkel bei einer Weizenallergie nicht automatisch eine sichere Alternative.8

Davon zu unterscheiden ist die Zöliakie, eine Autoimmunerkrankung. Hier reagiert das Immunsystem auf Gluten, ein Protein in Weizen, Dinkel oder Roggen, und greift dabei die Dünndarmschleimhaut an. Das kann zu Entzündungen führen und die Nährstoffaufnahme beeinträchtigen. Die einzige wirksame Therapie ist aktuell eine strikt glutenfreie Ernährung.9 Aktuell geht man davon aus, dass etwa 1 % der westlichen Bevölkerung von Zöliakie betroffen ist. Gleichzeitig wird eine relevante Dunkelziffer vermutet, da viele Fälle lange unerkannt bleiben.

Neben der Zöliakie und der Weizenallergie gibt es noch die Glutensensitivität, die auch nicht-Zöliakie-Weizensensitivität genannt wird. Hier treten Beschwerden nach dem Verzehr von Weizen auf, ohne dass eine Allergie oder Zölikie nachweisbar ist. Die Symptome können den Verdauungstrakt betreffen, aber auch außerhalb davon auftreten. Die genaue Ursache ist noch nicht vollständig geklärt. Wahrscheinlich spielen mehrere Faktoren eine Rolle – nicht nur Gluten, sondern auch andere Weizenbestandteile wie Amylase-Trypsin-Inhibitoren (ATIs), Weizenkeimagglutinin (WGA) oder fermentierbare Kohlenhydrate (FODMAPs). Auch das Darmmikrobiom, die Darmbarriere und individuelle Veranlagungen scheinen hier mit einzuwirken.10

Nocebo-Effekt

Ein weiterer spannender Aspekt ist der sogenannte Nocebo-Effekt. Dabei können Beschwerden allein durch negative Erwartungen entstehen oder verstärkt werden.

Studien zeigen, dass Menschen mit vermuteter Gluten- oder Weizenunverträglichkeit auch dann Beschwerden entwickeln können, wenn sie ein Placebo erhalten, also kein Gluten enthalten ist. Dies wurde unter anderem in kontrollierten Provokationsstudien zur Weizensensitivität beobachtet, in denen die Symptomatik nicht spezifisch durch Gluten, sondern teilweise durch Erwartungshaltungen erklärbar war. Das bedeutet nicht, dass die Beschwerden „eingebildet“ sind, sondern dass neben körperlichen auch psychobiologische Mechanismen eine Rolle spielen können. Der Nocebo-Effekt ist damit ein wichtiger Faktor in der Gesamtbewertung von Unverträglichkeiten – neben klassischen Auslösern wie FODMAPs oder ATIs.11

Weitere Gluten- bzw. Weizen-assoziierte Erkrankungen 

Die Dermatitis herpetiformis („Duhring-Krankheit“) ist eine autoimmune Hauterkrankung, eng mit Zöliakie verwandt und wird auch als die „Hautform“ der Zöliakie bezeichnet. Typisch sind stark juckende Bläschen, kleine Papeln bzw. symmetrische Hautausschläge. Gluten ist hier der zentrale Trigger. Auch diese Menschen müssen sich lebenslang strikt glutenfrei ernähren. Oft stehen Hautsymptome im Vordergrund, während Verdauungsbeschwerden fehlen – deshalb bleibt die Erkrankung häufig lange unentdeckt. Anhaltender, starker Juckreiz sollte deshalb medizinisch abgeklärt werden.

Für andere Erkrankungen wie Reizdarm oder chronisch-entzündliche Darmerkrankungen werden Zusammenhänge mit Weizen diskutiert, sind jedoch nicht eindeutig wissenschaftlich belegt. Auch neurologische Symptome bzw. Erkrankungen wie z.B. Brain Fog, Depressionen, Neuropathien und Neuroinflammation allgemein können mit Gluten, Gliadin bzw. anderen Weizen- und Getreidebestandteilen in Verbindung gebracht werden – wenn auch die Datenlage hier noch uneindeutig ist.12 13 14 Klar belegte Zusammenhänge gibt es jedoch bei der Glutenataxie, bei der Gluten eine Autoimmunreaktion gegen das Kleinhirn (Cerebellum) auslöst.15

Glutenfreie Ernährung: Sinnvoll oder nicht? 

Für Menschen mit Zöliakie ist eine strikt glutenfreie Ernährung zwingend notwendig. Bei Weizenallergie oder nicht-zöliakischer Weizensensitivität sowie bei bestimmten chronischen Erkrankungen kann eine glutenreduzierte oder glutenfreie Ernährung individuell sinnvoll sein. Entscheidend ist dabei immer die Symptomatik und idealerweise eine fachliche Begleitung, da die Verträglichkeit sehr individuell ist.

Für gesunde Menschen zeigt die aktuelle Studienlage bislang jedoch keinen gesundheitlichen Vorteil einer glutenfreien Ernährung. Im Gegenteil: Ein unnötiger Verzicht kann Nachteile mit sich bringen. Ursache dafür ist weniger der Verzicht auf Gluten selbst, sondern vielmehr die häufige Verwendung stark verarbeiteter glutenfreier Ersatzprodukte, die ernährungsphysiologisch weniger ausgewogen sind. Glutenfreie Ersatz-Produkte enthalten häufig weniger Ballaststoffe, weniger B-Vitamine und Mineralstoffe und sind oft stärker verarbeitet. Zudem basieren viele Ersatzprodukte auf Reis, was die Aufnahme von anorganischem Arsen erhöhen kann.16 Auch die Kosten sind in der Regel höher. 

Fazit: 

Wir empfehlen generell nicht auf glutenfreie industrielle Ersatzprodukte zurückzugreifen, sondern von Natur aus glutenfreie Lebensmittel zu bevorzugen wie z.B. Kartoffeln, Buchweizen, Hirse, Hülsenfrüchte usw. 

Gluten ist für die meisten Menschen kein grundsätzlich problematischer Bestandteil der Ernährung. Seine Bedeutung hängt stark von der individuellen gesundheitlichen Situation ab. Bei Zöliakie ist eine strikt glutenfreie Ernährung zwingend notwendig. Bei Weizenallergie oder nicht-zöliakischer Weizensensitivität kann eine individuelle Anpassung sinnvoll sein. Für gesunde Menschen zeigt die aktuelle Studienlage jedoch keinen belastbaren wissenschaftlichen Vorteil einer generellen glutenfreien Ernährung.

Entscheidend für die Gesundheit ist letztendlich nicht die isolierte Betrachtung einzelner Inhaltsstoffe, sondern die Qualität der gesamten Ernährung. Eine abwechslungsreiche, überwiegend unverarbeitete und nährstoffreiche Ernährung mit einem hohen Anteil an pflanzlichen Lebensmitteln, guten Eiweiß- und Fettquellen, Vollkornprodukten und insgesamt ausreichend Ballaststoffen bilden die Grundlage für langfristige Gesundheit.

Was kommt bei Constanze regelmäßig auf den Teller?

Da ich an einer Autoimmunerkrankung (Schuppenflechte) leide, vermeide ich weitgehend Gluten, weil es meine Haut merklich verschlechtert. Ich persönlich vermisse kein „normales Brot“- ich liebe inzwischen Hafer-Saaten-Brot – entweder selbst zusammengemixt oder als einfache cleane Fertig-Brotbackmischung oder wenn mal Not am Mann ist, haben wir ein abgepacktes Hafer-Saatenbrot von Alnatura auf Vorrat. Das empfehle ich in meinen Ernährungsberatungen auch meinen Patienten in der Praxis: Es ist glutenfrei, enthält mehr Ballaststoffe und Eiweiß und bietet in meinen Augen somit deutlich mehr Vorteile als jedes andere Brot. Dazu schmeckt es auch noch super lecker!

Am Wochenende backe ich mit meinen Kindern zusammen gern meine heiß geliebten Quark-Hafer-Saaten-Brötchen (Rezept im Buch). Klassische Weizen-Nudeln gibt es bei uns nicht, wenn dann gibt es Nudeln aus Hülsenfrüchten oder auch mal Kartoffel-Gnocchi. 

FAQs:

Ist Dinkel wirklich gesünder als Weizen?

Viele Menschen greifen zu Dinkel, weil er als „ursprünglicher“ oder „gesünderer“ gilt. Wissenschaftlich lässt sich das jedoch nicht pauschal bestätigen. Dinkel enthält ähnlich viele Nährstoffe wie Weizen und auch Gluten. Für Menschen mit Zöliakie, Weizenallergie oder Glutensensitivität ist Dinkel daher meist keine geeignete Alternative. Entscheidend ist weniger die Getreideart als die individuelle Verträglichkeit und die gesamte Ernährungsweise.

Hat sich der Weizen bzw. Getreide über die letzten Jahrhunderte verändert?

Getreide wurde im Laufe der letzten Jahrzehnte und Jahrhunderte gezielt auf höhere Erträge, höhere Widerstandsfähigkeit gegenüber Schädlingen und Umweltbedingungen und bessere Backeigenschaften gezüchtet. Es gibt Hinweise darauf, dass bestimmte moderne Sorten eine veränderte Aktivität von Amylase-Trypsin-Inhibitoren (ATIs) aufweisen könnten. Diese Proteine stehen aktuell im wissenschaftlichen Interesse, insbesondere im Kontext der Nicht-Zöliakie-Weizensensitivität, sind jedoch noch nicht abschließend bewertet.17
Ein wichtiger Faktor ist zudem die Verarbeitung: Moderne Backwaren unterscheiden sich deutlich von traditionellen Verfahren. Früher wurden häufig lange Fermentationsprozesse wie Sauerteigführungen über viele Stunden bis Tage eingesetzt. Heute dominieren schnelle industrielle Teigführungen, höher raffinierte Mehle und teilweise der Zusatz von Vitalgluten sowie weitere technologische Hilfsstoffe.
Diese Veränderungen betreffen somit weniger das „Getreide an sich“, sondern vor allem die Art der Verarbeitung und die Gesamtstruktur moderner Lebensmittel.

Macht Weizen ‚abhängig‘?

Weizen enthält bestimmte Proteinfragmente (Exorphine), die im Labor und in frühen Untersuchungen eine schwach opioidähnliche Aktivität zeigen können.18
Bisher gibt es jedoch keine wissenschaftlichen Belege dafür, dass der Verzehr von Weizen bei gesunden Menschen eine biochemische Abhängigkeit im Sinne einer klassischen Sucht erzeugt. Stark verarbeitete, weizenhaltige Lebensmittel können dennoch sehr schmackhaft und energiedicht sein. In Kombination mit Fett, Salz und Zucker kann dies zu einer hohen Belohnungswirkung führen, die das Essverhalten beeinflussen und zu verstärktem Verlangen führen kann.
Dieses Verhalten ist jedoch nicht spezifisch für Weizen, sondern betrifft generell stark verarbeitete, hochpalatable Lebensmittel und hängt vor allem mit deren Zusammensetzung und Verfügbarkeit zusammen.

Wann ist ein Brot ein echtes Vollkornbrot?

Viele dunkle Brote wirken „gesund“ oder „vollkornig“, obwohl sie überwiegend aus hellem Mehl bestehen. Das Problem: die dunkle Farbe kann künstlich erzeugt werden z.B. durch Gerstenmalzextrakt, Malzsirup, Zuckerrübensirup, Karamell oder geröstetem Mehl. Dadurch wirkt ein Brot dunkler, aromatischer und „rustikaler“- ein paar Körnchen oben drauf gestreut sorgen für den perfekten Vollkorn-Look. 
Insbesondere „Mehrkornbrot“, „Fitnessbrot“ oder „Bauernbrot“ täuschen somit Gesundheit vor, aber sie bestehen häufig überwiegend aus Weißmehl. 
Vollkorn- Getreidevollkornerzeugnisse wie Vollkornmehl und Vollkornschrot müssen die gesamten Bestandteile der gereinigten Körner einschließlich des Keimlings enthalten, die Körner können jedoch von der äußeren Fruchtschale befreit sein.19 Laut Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Heimat (BMELH) darf ein Brot bzw. Kleingebäck als Vollkornbrot bzw. -brötchen bezeichnet, wenn mindestens 90 % des Getreideanteils Vollkorn ist. 

Wie erkennt man echtes Vollkorn?

Lies die Zutatenliste, die ist viel zuverlässiger als die Farbe. Vollkornzutaten sollten an erster Stelle stehen (z.B. Vollkornweizenmehl, Roggenvollkornschrot, Dinkelvollkornmehl). Wenn stattdessen Zutaten wie Weizenmehl Type 550, Weizenmehl Type 812 oder Roggenmehl 1150 an erster Stelle stehen, ist es kein echtes Vollkornbrot.
Grobe Faustregel: Sehr dunkles Brot + sehr feine, weiche Textur = oft eher gefärbtes Mischbrot.
Beim Bäcker lohnt sich oft die direkte Frage: „Ist das wirklich überwiegend Vollkorn oder nur dunkel gebacken?“

Wo steckt sonst noch oft überraschend Gluten drin?

Gluten kann in vielen industriell verarbeiteten Lebensmitteln enthalten sein, teilweise auch in Form von zugesetztem Weizengluten (Vitalgluten), das technologisch die Teigstruktur verbessert. 

Typische Quellen sind:
– Industriebackwaren wie Toastbrot, Burger Buns, Aufbackbrötchen, Croissants oder Tiefkühlpizza
– Fertigteige und Backmischungen
– Süßwaren und Snacks, die Weizenbestandteile enthalten können
– Panaden, Soßenbinder und Verdickungsmittel in Fertiggerichten
– Auch in Fleischersatzprodukten spielt Gluten teilweise eine Rolle – insbesondere bei Seitan, der fast ausschließlich aus Weizengluten besteht.

Wichtig ist dabei die Differenzierung: Gluten ist nicht per se ein Problemstoff für die Allgemeinbevölkerung, sondern nur für Menschen mit Zöliakie, Weizenallergie oder Glutensensitivität relevant. Die höhere Exposition in der modernen Ernährung hängt vor allem damit zusammen, dass glutenhaltige Zutaten heute technologisch häufig eingesetzt werden – zum Beispiel zur Verbesserung von Konsistenz, Volumen und Haltbarkeit. Ob diese veränderte Exposition gesundheitlich für empfindliche Personen relevant ist, wird wissenschaftlich diskutiert. Sicher ist jedoch: Die Gesamtmenge und die Verarbeitung glutenhaltiger Getreide haben sich im Vergleich zu früher verändert.

Quellen

  1.  Geisslitz, S., Longin, C. F. H., Scherf, K. A., & Koehler, P. (2019). Comparative Study on Gluten Protein Composition of Ancient (Einkorn, Emmer and Spelt) and Modern Wheat Species (Durum and Common Wheat). Foods (Basel, Switzerland)8(9), 409. https://doi.org/10.3390/foods8090409 ↩︎
  2. Junker, Y., Zeissig, S., Kim, S. J., Barisani, D., Wieser, H., Leffler, D. A., Zevallos, V., Libermann, T. A., Dillon, S., Freitag, T. L., Kelly, C. P., & Schuppan, D. (2012). Wheat amylase trypsin inhibitors drive intestinal inflammation via activation of toll-like receptor 4. The Journal of experimental medicine209(13), 2395–2408. https://doi.org/10.1084/jem.20102660 ↩︎
  3. Zevallos, V. F., Raker, V., Tenzer, S., Jimenez-Calvente, C., Ashfaq-Khan, M., Rüssel, N., Pickert, G., Schild, H., Steinbrink, K., & Schuppan, D. (2017). Nutritional Wheat Amylase-Trypsin Inhibitors Promote Intestinal Inflammation via Activation of Myeloid Cells. Gastroenterology152(5), 1100–1113.e12. https://doi.org/10.1053/j.gastro.2016.12.006 ↩︎
  4. Gobbetti, M., Rizzello, C. G., Di Cagno, R., & De Angelis, M. (2014). How the sourdough may affect the functional features of leavened baked goods. Food microbiology37, 30–40. https://doi.org/10.1016/j.fm.2013.04.012 ↩︎
  5. Arendt, E. K., Ryan, L. A., & Dal Bello, F. (2007). Impact of sourdough on the texture of bread. Food microbiology24(2), 165–174. https://doi.org/10.1016/j.fm.2006.07.011 ↩︎
  6. Aune, D., Keum, N., Giovannucci, E., et al. (2016). Whole grain consumption and risk of cardiovascular disease, cancer, and all-cause and cause-specific mortality: systematic review and dose-response meta-analysis of prospective studies. BMJ, 353, i2716. https://doi.org/10.1136/bmj.i2716 ↩︎
  7. Reynolds, A., Mann, J., Cummings, J., Winter, N., Mete, E., & Te Morenga, L. (2019). Carbohydrate quality and human health: a series of systematic reviews and meta-analyses. Lancet (London, England)393(10170), 434–445. https://doi.org/10.1016/S0140-6736(18)31809-9 ↩︎
  8. https://www.bfr.bund.de/cm/343/auch-dinkel-kann-allergien-ausloesen-wissenstand-der-bevoelkerung-zu-dinkel-als-weizenart-ist-niedrig.pdf ↩︎
  9. Fasano, A., & Catassi, C. (2012). Clinical practice. Celiac disease. The New England journal of medicine367(25), 2419–2426. https://doi.org/10.1056/NEJMcp1113994 ↩︎
  10. Catassi, C., Bai, J. C., Bonaz, B., Bouma, G., Calabrò, A., Carroccio, A., Castillejo, G., Ciacci, C., Cristofori, F., Dolinsek, J., Francavilla, R., Elli, L., Green, P., Holtmeier, W., Koehler, P., Koletzko, S., Meinhold, C., Sanders, D., Schumann, M., Schuppan, D., … Fasano, A. (2013). Non-Celiac Gluten sensitivity: the new frontier of gluten related disorders. Nutrients5(10), 3839–3853. https://doi.org/10.3390/nu5103839 ↩︎
  11. Biesiekierski, J. R., Peters, S. L., Newnham, E. D., Rosella, O., Muir, J. G., & Gibson, P. R. (2013). No effects of gluten in patients with self-reported non-celiac gluten sensitivity after dietary reduction of fermentable, poorly absorbed, short-chain carbohydrates. Gastroenterology, 145(2), 320–328. https://doi.org/10.1053/j.gastro.2013.04.051 ↩︎
  12. Peters SL, Biesiekierski JR, Yelland GW, Muir JG, Gibson PR. Randomised clinical trial: gluten may cause depression in subjects with non-coeliac gluten sensitivity – an exploratory clinical study. Aliment Pharmacol Ther. 2014 May;39(10):1104-12. doi: 10.1111/apt.12730. Epub 2014 Apr 1. PMID: 24689456 ↩︎
  13. Rouvroye MD, Zis P, Van Dam AM, Rozemuller AJM, Bouma G, Hadjivassiliou M. The Neuropathology of Gluten-Related Neurological Disorders: A Systematic Review. Nutrients. 2020 Mar 20;12(3):822. doi: 10.3390/nu12030822. PMID: 32244870; PMCID: PMC7146117. ↩︎
  14. Croall ID, Hoggard N, Aziz I, Hadjivassiliou M, Sanders DS. Brain fog and non-coeliac gluten sensitivity: Proof of concept brain MRI pilot study. PLoS One. 2020 Aug 28;15(8):e0238283. doi: 10.1371/journal.pone.0238283. PMID: 32857796; PMCID: PMC7454984. ↩︎
  15. Hadjivassiliou M, Davies-Jones GA, Sanders DS, Grünewald RA. Dietary treatment of gluten ataxia. J Neurol Neurosurg Psychiatry. 2003 Sep;74(9):1221-4. doi: 10.1136/jnnp.74.9.1221. PMID: 12933922; PMCID: PMC1738682. ↩︎
  16. Shepherd SJ, Gibson PR. Nutritional inadequacies of the gluten-free diet in both recently-diagnosed and long-term patients with coeliac disease. Journal of Human Nutrition and Dietetics. 2013;26(4):349–358. https://doi.org/10.1111/jhn.12018 ↩︎
  17. Shewry, P. R., & Hey, S. J. (2015). The contribution of wheat to human diet and health. Food and energy security4(3), 178–202. https://doi.org/10.1002/fes3.64 ↩︎
  18. Fukudome, S., & Yoshikawa, M. (1992). Opioid peptides derived from wheat gluten: their isolation and characterization. FEBS letters296(1), 107–111. https://doi.org/10.1016/0014-5793(92)80414-c ↩︎
  19. https://www.bmleh.de/SharedDocs/Downloads/DE/_Ernaehrung/Lebensmittel-Kennzeichnung/LeitsaetzeBrot.pdf?__blob=publicationFile&v=8 ↩︎